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VON NAZLIKUL, ZUM JAHRESENDE: EIN MYTHOLOGISCHER BRIEF NACH INNEN

30. Dezember 2025 · 4 Min. Lesezeit

Dies ist ein Brief,
Ein versiegelter Atemzug, gelegt auf die Brust der Zeit,
Ein Wort, nach innen geschrieben, das doch das Äußere verändern will,
Seine Federspitze berührt die Vergangenheit,
Seine Tinte berührt ein Bewusstsein, das der Zukunft gilt.

Wieder fällt ein Jahr vom Kalender,
Sekunden verwehen im Wind
Wie die Asche untergegangener Zivilisationen.

Und ich schreibe…
Nicht an alle,
Zuerst an mich selbst,
Dann an die Menschheit.

Auf den steinernen Stufen des Olymp flüstert der Schatten Homers:
„Erinnere dich! Ein Brief ist der längste Einspruch, den der Mensch gegen sein eigenes Schicksal erhebt.“
Hermes, der Bote der Götter,
Lief mit seinen geflügelten Sandalen durch die Zeitalter,
Nur um eine einzige Wahrheit
In ein menschliches Herz zu legen.

Am Himmel des Zeus zucken Blitze,
Doch der eigentliche Donner liegt im Inneren des Menschen:
Das Gewissen schweigt,
Die Angst spricht,
Und deshalb wird der Brief geschrieben.

Am Ufer des Nils näht Isis die verwundeten Seelen zusammen,
Im zerrissenen Leib des Osiris liegt der Spiegel der Menschheit.
Ägyptens Sand bewahrt tausende Briefe,
Nie versandte Gebete,
Nie gelesene Schreie…

Den schweigenden Pyramiden der Pharaonen gegenüber
Ist der über das Papier gebeugte Atem eines Kindes
Revolutionärer,
Ewiger,
Wahrhaftiger…

Während in China der Drache den Himmel hält,
Flüstert Laotse leise:
„Das Wort wird zum Weg; der Weg verändert das Schicksal.“
Briefe, auf Bambuspapier geschrieben,
Überdauern Krieg, Hunger und Dynastien.
Denn die Menschheit
Ist am meisten zugrunde gegangen, wenn sie schwieg,
Und am meisten wiederauferstanden, wenn sie schrieb.

Auf den russischen Steppen
Ziehen Puschkins Feder, Dostojewskis Herz, Tolstois Gewissen
Wie ein winterlicher Atem umher.
Briefe, geschrieben aus den Verbannungswaggons,
Sind die schwersten Zeugnisse der Welt.
Die Zeile, die eine Mutter ihrem Sohn ein letztes Mal schreibt,
Bringt manchmal ein Kaiserreich in Verruf,
Manchmal richtet sie die Würde eines Volkes wieder auf.

Und dort lernt der Mensch:
Ein Brief, manchmal neben einem armen Ofen,
Manchmal an einem vereisten Zugfenster geschrieben,
Ist die größte Revolution.

In den persischen Palästen spricht Zarathustra:
„Bewahre das Feuer! Aber lies zuerst das Feuer in dir!“
Ein Brief, wie Feuer,
Wärmt nicht, wenn er nicht brennt,
Weckt nicht, wenn er nicht brennt,
Macht den Menschen nicht zum Menschen, wenn er nicht brennt.

Der persische Wind trägt Poesie,
Poesie wird zum Brief,
Der Brief fordert das Leben heraus.

In den deutschen Wäldern, im Nebel des Teutoburger Waldes,
Hallt eine Stimme wider:
„Der Mensch ist nur dann frei, wenn er seinem Gewissen schreibt!“
Die Fragen, die Nietzsche festnagelte,
Goethes polierte Worte,
Heines Tränen der Verbannung
Sind Zeilen, eingetragen in das Seelenbuch einer Nation.

Und dort wird es verständlich:
Ein Volk ist nicht so stark wie seine Postämter,
Sondern so stark wie die Briefe, die sein Gewissen erreichen.

Die Trommel des Schamanen schlägt,
Der Nordwind berührt die Brust des Menschen.
Dort wird der Brief in den Himmel geschrieben,
In die Rinde der Bäume,
In das Gedächtnis von Berg und Stein…
Die Seele spricht,
Das Wort wird zum Flügel.

In den türkischen Steppen wiehert ein Pferd,
Während im Nomadenzelt der Rauch aufsteigt,
Hinterlässt ein Vater seinem Sohn einen einzigen Satz:

„Vergiss nicht, mein Sohn…
Was den Menschen zum Menschen macht,
Ist nicht, was er besitzt,
Sondern die Wahrheit, die er auszusprechen vermag.“

Auf den Marmorstraßen Roms
Überdauern die in lateinischer Schrift geschriebenen Briefe des Schicksals
Staaten, Gesetze und imperialen Stolz,
Und enden doch am Ende wieder in einem Herzen.
Denn jede Zivilisation
Schrieb es zuerst in ihr Herz,
Meißelte es dann in ihre Mauern,
Und überließ es schließlich der Geschichte.

Und nun komme ich zu unserer Gegenwart…
Es gibt Telefone,
Es gibt Satellitensignale,
Es gibt Bilder, die in einer Sekunde das andere Ende der Welt erreichen…
Doch nie zuvor war der Mensch
So einsam,
So sprachlos,
So von sich selbst getrennt.

Wir kommunizieren,
Doch wir sprechen nicht.
Wir schreiben,
Doch wir fühlen nicht.
Wir sehen,
Doch wir verstehen nicht.

Deshalb wird,
Zum Jahresende,
Dieser Brief nicht „nach außen“,
Sondern „nach innen“ geschrieben.

An uns selbst,
An das Gewissen, das wir vergessen haben,
An das Herz, das wir zum Schweigen gebracht haben,
An die menschliche Seite in uns, die wir verlassen haben…

O Menschheit,
O großes Kind, das seit Jahrhunderten denselben Fehler macht,
Wisse dies:

Ein Brief ist nicht nur Papier.
Ein Wort ist nicht nur Klang.
Eine Nachricht ist nicht nur Kommunikation.

Ein Brief
Ist der Schwur des Menschen an sich selbst.
Ein Wort
Ist ein Pakt mit dem Schicksal.
Eine Botschaft
Ist das Gewissensprotokoll einer Gesellschaft.

Deshalb schreibe ich:

Es sei eine Welt, in der nicht die Macht, sondern das Gewissen spricht.
Es sei eine Zukunft, der nicht die Angst, sondern das Wort die Richtung weist.
Es sei ein Zeitalter, das nicht von Waffen, sondern von Federn abgewogen wird.

Und der Mensch
Möge nicht vergessen, dass er der Bote der Geschichte ist.

Denn jeder von uns
Wird entweder, indem er schweigt, einen Brief an die Dunkelheit schreiben,
Oder, indem er spricht, eine Zukunft ins Licht senden.

Zum Jahresende
Sind diese Zeilen
Nicht nur ein Gedicht,
Sondern ein Ruf an die Menschheit:

Schau nach innen,
Schreibe nach innen,
Verändere dich von innen heraus.

Ein glückliches neues Jahr